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Mondlose Nacht. Eiskalte Nacht.
Immer wenn man so viele Sterne am Himmel betrachten konnte, waren die Nächte besonders grausam. Nicht nur in ihrer Temperatur, sondern auch in ihren Herzen.
Wenn sich der schwarze Mantel der Nacht über die Stadt legte, konnte sich nichts und niemand in Sicherheit wiegen.
Samyaza wusste dies und die Welt, wusste es auch.
Wenn sich der Vorhang senkte und jede Gasse, jeder Winkel der Gebäude, in Dunkelheit versank, dann kamen die Anderen, die Dämonen und Schattenwesen, Mächte der Finsternis, aus ihren Verstecken hervor, um der Erde ihren Willen aufzuzwingen.
Dann schlichen sich düstere Wesen durch die Strassen, dann wurde gefoltert und gemordet, gequält und geschändet und kein lebendes Wesen, das noch ein wenig Licht im Herzen und in der Seele trug, wagte sich hinaus in diese fremde, unwirkliche und grausame Welt.
Es war allseits bekannt, das in diesen Nächten nur die Wagemutigsten, Tollkühnsten oder Wahnsinnigsten offen unterwegs waren, allesamt behangen mit Kreuzen und anderem schützenden Schmuckwerk, umgeben von einem Zauber, mit welchem sie sich sicher wähnten, oder mit diversen Waffen ausgerüstet, immer darauf bedacht, sich jederzeit wehren zu müssen.
Lächerlich!
Was hatten diese kleinen, unvollkommenen Geschöpfe schon zu befürchten?
Den eigenen Tod, mit welchem endlich Frieden in ihr erbärmliches Dasein einkehren würde? Mit dem sie dann endgültig zu ihrem jeweiligen Gott geschickt wurden, um Absolution flehend, immerzu in der Hoffnung den Himmel und nicht die Hölle zu erreichen.
Was wussten sie schon von Gott ...
Ein von Glanz umströmter alter Greis, eine wunderschöne, reine, junge Frau, eine alterslose Göttin ... Was immer sie dachten, sie wurden allesamt enttäuscht, sobald sie einmal die Schwelle zum Totenreich überschritten hatten, ihre Schwelle zur Unsterblich - ja, zur Unendlichkeit.
Samyaza lachte leise in sich hinein und zupfte an seinem schwarzen Ledermantel. Aus der Manteltasche fingerte er eine Zigarette hervor, zündete sie an und sog genüsslich den grauen Rauch in seine Lunge.
Das Pärchen gegenüber, im dritten Stock auf der anderen Strassenseite, war noch immer dabei, sich leidenschaftlich zu lieben. Immer mal wieder konnte man das Stöhnen der Frau und das wilde Atmen des Mannes bis auf die Strasse hören.
Sie schienen nichts von der Kälte außerhalb ihrer kleinen Wohnung zu bemerken und das gekippte Fenster, ließ den Engel das Schauspiel aus nächster Nähe miterleben. Nicht das es ihn sonderlich interessiert hätte. An diesen beiden war nichts Besonderes zu finden, außer vielleicht der Tatsache, dass sie ein beispielloses Desinteresse an der äußeren Welt und im besonderen dieser Nacht hatten. Und das war auch der Grund, warum er, Samyaza, sich heute noch einmal hierher bequemt hatte.
Nein, es war wirklich nichts besonderes an diesen beiden.
Sie lagen nun schon seit Stunden auf, oder besser gesagt ineinander, gaben sich ihren animalischen Trieben hin und scherten sich einen Dreck um den Untergang ihrer Welt. Diese Hedonisten verstanden es wirklich, aus jeder noch so schrecklichen Situation, irgendwie Spaß zu gewinnen und sei es nur das die Frau es als Kick ansah, sich beim Akt vorzustellen, dass gerade in diesem Moment, draußen vor der Haustür, die Welt unterging, während sie, in den letzten Atemzügen, ihre Wollust genoss, um welche sie gewiss alle anderen Frauen der Strasse beneideten.
Wie zur Bestätigung drang ihr ekstatisches Stöhnen hinaus in die Gasse.
Samyaza tat einen weiteren tiefen Zug.
Er wusste genau was als nächstes kam.
Der Geschlechtsakt war vollendet und wie immer trat die Frau, noch entblößt und in den letzten Wallungen ihrer Orgasmen ans Fenster, öffnete es und lehnte sich ans Fensterbrett.
Auch sie zündetet sich eine Zigarette an und blies den Rauch weit hinaus in die Finsternis der Strasse. Ihr langes rotblondes Haar wehte leicht im Wind und schmeichelte ihrem weißen Teint, umrahmte ihre milchigen Schultern und Brüste.
Sie schüttelte es ein wenig und lehnte sich weiter hinaus um einen Blick in die Gasse zu werfen.
'Ich habe es wieder getan',murmelte Samyaza innerlich.
Und die Frau im Fenster rief : „Hört ihr!! Ich habe es wieder getan!! Und ihr könnt mir alle gestohlen bleiben!!“
Sie jauchzte auf und ein maliziöses Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
Der Engel grinste.
Sie war so unbeschreiblich dumm und dennoch dabei so ehrlich. Alles was sie in ihrem Leben tat war Unsinn und dennoch gerechtfertigt und ihr gutes Recht. Sie nahm sich was sie wollte, auch wenn sie dabei übersah, dass es eigentlich ganz andere Dinge waren, nach denen sich ihr Herz und ihr Geist sehnten.
„Komm wieder ins Bett und mach das scheiß Fenster zu“, unterbrach nun der Mann ihr triumphierendes Gebaren. „Ist schon kalt genug hier drin.“
Das Lächeln wich, wie immer bei diesen Kommentaren, für kurze Zeit aus ihrem Gesicht und sie starrte gedankenverloren ins Dunkel. Die verbrannte Zigarette wurde achtlos hinab geschnippt, nur um gleich darauf durch eine weitere ersetzt zu werden.
Es wurde noch dunkler.
Der Engel konnte nurmehr die Glut des Glimmstängels ausmachen, aber er spürte das sie in seine Richtung sah und erwiderte ihren fragenden Blick.
Er wusste, das Menschen bei geistiger Berührung häufig ein Schauer über den Rücken lief und er beobachtete mit Genugtuung wie ein Frösteln den Körper der Frau erschauern ließ, was ihr Nippel noch steifer machte. Zu gerne hätte er sie berührt, nur einen kurzen Moment lang.
„Was ist denn jetzt. Kommst du mal wieder?“, erklang die Stimme des Mannes erneut.
Aber die Frau antwortete ihm nicht, sondern starrte gebannt weiterhin auf das gegenüberliegende Dach, direkt in die Augen Samyazas.
Er lächelte, starrte mit stechenden Augen zurück, sich der Tatsache bewusst, dass sie ihn, selbst im hellen Sonnenschein, allerhöchstens als einen Schatten aus den Augenwinkeln wahrnehmen könnte.
Ihre Stirn kräuselte sich.
„Ich glaube er ist wieder da.“, sagte sie leise in die Stille hinein.
Der Mann zögerte.
„Wer? Der Typ auf dem Dach?“ Es hörte sich ein wenig sarkastisch an.
„Der uns angeblich immer beobachtet?“ Ein Husten wie ein unterdrücktes Lachen erklang.
'Du solltest ihr besser Glauben schenken', schalt ihn der Engel innerlich.
'Sie hat ein feines Gespür, auch wenn sie selber daran zweifelt.'
„Kommst du jetzt bitte endlich rein und machst das scheiß Fenster zu !“ wurde der Mann nun deutlicher.
Samyaza seufzte leicht über soviel Unverständnis, während die Frau das Fenster schloss und er noch die Worte „Ich bin mir sicher, dass er wieder da oben hockt ...“ vernehmen konnte.
Es wurde wieder einen Deut dunkler.
Der Engel schnappte sich eine weitere Zigarette und warf einen kurzen Blick nach Osten. Die Dämmerung kündigte sich noch nicht an und er hatte vermutlich noch einige ruhige Stunden, ehe die Stadt wieder zum Leben erwachte.
„Du hast also immer noch ein reges Interesse an den Menschenfrauen, huh?“, erklang eine raue Stimme hinter ihm.
Samyaza musste sich nicht umdrehen um zu wissen wer da hinter ihm stand.
"Kain, ist dir gerade mal langweilig oder warum belästigst du mich in meiner wenigen Freizeit?"
Ein ranziges Auflachen ertönte.
Wie dichte Nebelschwaden glitten die Schatten über das Dach und schmolzen die beiden Figuren zu einem schwärzlichen Brei zusammen.
„Das hab ich auch noch nicht erlebt, dass ein Engel von Freizeit spricht, als ginge er einem Beruf nach,“ kollerte Kain und ließ sich neben dem ihm nieder.
„Was weißt du schon von meiner Arbeit ...“, entgegnete Samyaza kühl ohne den Vampir eines Blickes zu würdigen. „Was willst du von mir?“
Kains Blick haftete auf dem geschlossenen Fenster gegenüber und Samyaza fragte sich was seine nachtaktiven Vampiraugen wohl hinter Wand und Glasscheibe sehen mochten. Ob er seiner kleine Freundin wohl gerade die Bettdecke von den nackten Gliedern zog um sie eingehend zu betrachten.
„Hast du ne Kippe?“, fragte der Vampir nach einem Moment und Samyaza musste unwillkürlich grinsen.
„Klar. Seit wann rauchst du wieder?“
Er zog die Schachtel aus dem Mantel und schnippte seinem Gegenüber eine hinaus.
Kain nahm sie zwischen die Zähne und ließ sich Feuer geben.
„Altes Laster, du weißt ja.“, kommentierte er sein Handeln.
„Und ich dachte du hättest das hinter dir.“, grinste der Engel. „Aber angesichts der Zeiten in denen wir uns bewegen, spielt das auch keine große Rolle mehr.“, fuhr er nun wieder gelangweilt fort.
Kain räusperte sich und hustete.
„Du hast gut reden, du Götterbote. Du weißt ja nicht wie es sich anfühlt, wenn sich einem die Lunge auflöst!“ Er hustete erneut.
„Stimmt. Und ich bin jeden Tag aufs Neue dafür dankbar.“ Der sardonische Unterton bezüglich der Botenbermerkung, blieb Kain nicht verborgen.
„Ich hab einen Grund hier zu sein, Samyaza. Also lassen wir diese alten Spielchen für einen Moment sein und widmen uns dem Geschäftlichen. Ich habe Neuigkeiten zu berichten, die dich gewiss interessieren werden.“
Die gleichgültige Miene im Gesicht des Engels veränderte sich nicht, aber seine Stimme verriet sein Interesse dennoch. Kain war immer für wichtige Neuigkeiten gut gewesen.
Samyaza warf sein langes Haar mit einer Bewegung zurück und wandte sich dem Vampir zu.
„Na wenn das so ist, dann lass mal hören."